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Sieg der Glaubwürdigkeit

Margot Käßmanns Rücktritt und seine Folgen für die Kirche



Konsequent in der Krise: Margot Käßmann während der Pressekonferenz am Mittwoch letzter Woche, auf der sie den Rücktritt von ihren leitenden Ämtern in der Kirche erklärte.

Durch ihren Rücktritt hat Margot Käßmann möglichen Schaden von der Kirche abgewendet - und die eigene Glaubwürdigkeit gestärkt. Doch wie geht die Kirche damit um?

 

Lange hat kein Thema die evangelische Kirche so sehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt wie der Rücktritt von Margot Käßmann. Die Alkoholfahrt der EKD-Ratsvorsitzenden und hannoverschen Landesbischöfin sowie ihr anschließender Rücktritt von allen kirchlichen Ämtern war tagelang Schlagzeile Nummer eins.

Die Frage, die bleibt: Welche Folgen hat der Fall Käßmann für die Kirche? "Sie muss gehen", hatten nach der Autofahrt viele gefordert. Eine wegen Trunkenheit am Steuer Vorbestrafte Kirchenführerin könne weder als Vorbild noch als moralisches Gewissen auftreten. Der Schaden für die Kirche wäre zu groß.

"Margot, bleib!", hielten Tausende dagegen, darunter kirchliche Basisgruppen und führende Medien. Ein Rücktritt Käßmanns, so die Befürchtung, wäre für die evangelische Kirche der größere Schaden: Er würde eine Lücke hinterlassen, die auf absehbare Zeit niemand schließen könne.

Käßmann entsetzte ihre Anhänger und beschämte die Kritiker: Sie trat zurück - und zwar genau mit den Argumenten, die gegen sie vorgebracht worden waren: "Ich habe das Amt und meine persönliche Autorität beschädigt", erklärte die EKD-Ratsvorsitzende öffentlich. Bliebe sie im Amt, hätte sie zukünftig nicht mehr die "nötige Freiheit, ethische Herausforderungen und gesellschaftliche Missstände zu benennen", so Käßmann. Ende einer Amtszeit - nach nur vier Monaten.

Beschädigt der Fall Käßmann nun das Ansehen der evangelischen Kirche? In der öffentlichen Wahrnehmung hat der Fall, so widersprüchlich das klingt, zu einem Zugewinn an Sympathie geführt: Käßmanns Rücktritt rührte die Menschen. Tagelang war Käßmanns Erklärung Thema in Bussen, Wartezimmern, beim Friseur. Tenor: Sie hat ihre Glaubwürdigkeit als Christin sogar noch gestärkt.

Es ist dieser "Käßmann-Faktor", der die frühere Bischöfin so unverwechselbar macht. Die Menschen entdecken in der 51-jährigen eine Kirche, die mitten im Leben steht. Mit brillanten Stärken. Und mit Fehlern und Schwächen. Aber in jedem Fall offen und ehrlich. "Sie ist eine von uns", diese Worte tauchen in Leserzuschriften immer wieder auf. Genau das macht Margot Käßmann, die Geschiedene und Mutter von vier Töchtern, den Menschen so glaubwürdig.

Durch ihren Umgang mit den eigenen Verfehlungen gab sie auch ein leuchtendes Beispiel für das, was ihre lutherischen Mitbischöfe ein paar Tage später am letzten Wochenende beschäftigte. Auf einer Klausurtagung unter dem lange schon feststehenden Thema „Die christliche Rede von der Sünde“ wurde angeregt, dem Sündenbekenntnis und der Beichte größeres Gewicht im evangelischen Gottesdienst zu geben.

Wie soll die Lücke, die Käßmann hinterlässt, geschlossen werden? Ihr Nachfolger Nikolaus Schneider , der sich sicherlich keinen Mangel an Selbstvertrauen vorwerfen lassen muss, weiß um die Bürde: Er wolle die Linie Käßmanns fortführen. Aber ihr Abschied sei "ein noch gar nicht ermessener Verlust".

Vielleicht ist das Ende der Ära Käßmann, die vor gut zehn Jahren mit ihrer Wahl zu hannoverschen Landesbischöfin begann, ja auch eine Chance. Nämlich zu zeigen, dass die evangelische Kirche sich nicht nur über einige wenige prominente und medientaugliche Köpfe in die öffentliche Debatte einmischen kann, sondern dass sie es über die Sachwirkung ihrer Themen schafft.

Allerdings - es fällt schwer, sich das in der gegenwärtigen Mediengesellschaft vorzustellen. Und so wird eine weitere Variante diskutiert; sowohl in Kirchenleitungskreisen als auch an der Basis der evangelischen Gemeinden (allein im Kirchenamt Hannover mehr als 10 000 Zuschriften): Margot Käßmann möge wiederkommen - nach einer Zeit von vier, fünf Jahren, in der sie als Gemeindepfarrerin arbeitet. Diese Zeit würde zusammen mit ihrem Rücktritt selbst dem härtesten Kritiker als Ausweis von Reue und Buße erscheinen.

Margot Käßmann ist noch jung. Die Wahl eines oder einer EKD-Ratsvorsitzenden stünde 2015 an. Käßmann wäre dann 57. Und selbst wenn nicht: Ihr Rücktritt hat Käßmanns Glaubwürdigkeit und moralische Autorität paradoxerweise noch verstärkt. Die evangelische Kirche wird, in welcher Form auch immer, daran nicht vorbei gehen können.

 

Gerd-Matthias Hoeffchen

 


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